Lebensmittelvergiftung
Übersicht über die verschiedenen Arten von Lebensmittelvergiftungen, ihre Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten.
Wichtiger Hinweis: Die hier bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich der allgemeinen Aufklärung und ersetzen keine ärztliche Beratung. Bei Verdacht auf eine Vergiftung kontaktieren Sie umgehend den Giftnotruf.
Differentialdiagnose
Zu unterscheiden sind:
- Verdorbene Lebensmittel, in denen durch Enzymreaktionen Toxine entstanden sind, die Magendarmprobleme und andere Symptome hervorrufen
- Bakteriell verunreinigte Speisen, deren Bakterien den Darm besiedeln und im Darm ein Enterotoxin herstellen (Coli-, Campylobacter-, und Clostridien-Enterotoxin). Diese Enterotoxinbildung ist durch Plasmide zwischen den Bakterien übertragbar. Hierher gehören auch Cholera und Shigellenruhr.
- Bakteriell und Toxin verunreinigte Speisen, in denen die Bakterien das Toxin während der Lagerung sezernieren (Staphylococcen-Enterotoxin, Bacillus Cereus, Botulismus)
- Meerestiere, die ein Toxin aus der Nahrung angereichert haben (siehe Fisch- und Muschelvergiftung)
- Bakteriell verunreinigte Speisen, bei denen das Bakterium selbst die Krankheit hervorruft (Yersinia enterocolitica, Salmonellosen, Amöbenruhr)
- Exogene Toxine, die sich im Lebensmittel anreichern (Honigvergiftung)
Scombrotoxin (Fischvergiftung)
Vorkommen: Verdorbener Fisch (vor allem Tunfisch, Makrele, Anchovies, Sardine), in dem bakterielle Zersetzung Histamin entstehen ließ.
Inkubation: Wenige Minuten bis 1 Stunde, selten mehr
Symptome: Flush, Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Bauchweh, Durchfall; selten Bronchospasmus, Rötung des ganzen Körpers, Urtikaria; ohne Behandlung in seltenen Fällen Schock möglich.
Therapie: Antihistaminika wie z.B. Diphenhydramin, Prometazin (Atosil), aber auch Cimetidin helfen gut und schnell.
Staphylococcen-Enterotoxin
Inkubation: 1-8h, meist 2-4h; Infektionsdauer: 8-(36)h
Vorkommen: In kohlehydrat- und proteinhaltigen Speisen
Symptome: Plötzlich einsetzende Übelkeit, Erbrechen, Bauchkrämpfe mit Diarrhö. Selten Kopf-, Muskelschmerzen, Fieber.
Gift: Hitzestabiles Enterotoxin
Coli-Enterotoxin (E. coli / EHEC)
Inkubation: 12-72h; Infektionsdauer: meist 1-4 Tage
1. Form: Wässrige Diarrhö mit schneller Dehydratation, Erbrechen, Bauchschmerz (ähnlich Cholera)
Therapie: Antibiotika nicht nötig, aber verkürzen Diarrhö (Trimethoprim oder Ciprofloxacin)
2. Form (EHEC): Enterohämorrhagische Form mit blutig wässriger Colitis, Bauchkrämpfen, selten Fieber. Bei ca. 20% anschließend hämolytisch urämisches Syndrom (HUS) mit Nierenversagen, Thrombopenie, mikroangiopathischer hämolytischer Anämie.
Therapie: KEINE Antibiotika, Flüssigkeits- und Elektrolytausgleich
Bacillus cereus
Infektdauer: ca. 12-36h
Vorkommen: Reis, Gemüse, Gewürze, Milchpulver
Symptome: Toxin a) nach 1-5h abrupt einsetzendes Erbrechen; Toxin b) nach 8-16h milde Diarrhö
Gift: Präformiert in der Nahrung: a) hitzestabiles und b) hitzelabiles Enterotoxin
Campylobacter-Enterotoxin
Vorkommen: Übertragung durch rohe Milch, ungechlortes Wasser, fäkal-oral
Inkubation: (1)-2-5 Tage; Ausscheidung für 2-3 Wochen
Diarrhödauer: Selbstlimitiert 2-7 Tage
Symptome: 1. Nicht entzündlicher Typ: schwere, evtl. blutige Dysenterie ohne Fieber; 2. Entzündlicher Typ: Diarrhö mit Fieber, evtl. Meningitis, HLA-B27 positive Arthritis, evtl. HUS möglich.
Therapie: Ohne Therapie normalerweise nach 7-10 Tagen Gesundung. Antibiotikum der Wahl: Erythromycin 400 mg 4 mal/Tag
Clostridien-Enterotoxin
Inkubation: (1)-2-(7) Tage; Infektdauer: 12-36h
Vorkommen: Clostridium perfringens (selten difficile)
Symptome: Milde Diarrhö ohne Fieber bis ulcerativ nekrotisierende Darmentzündung mit Ileus und akutem toxischem Schock. Unter Antibiotikatherapie pseudomembranöse Colitis möglich.
Therapie: Immer Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution. Antibiotika nur bei extraintestinaler Ausbreitung (Metronidazol, Ampicillin, Penicillin)
Salmonellen
Inkubation: (8)-24-(72)h; Infektdauer: 5-8 Tage
Vorkommen: Fleischwaren, Geflügel, Eier und Eierspeisen
Symptome: 2-5 tägige Diarrhö mit viel wässrigem Stuhl, Blut und Schleimbeimengung möglich. Bakteriämie mit typhösen Verläufen bei geschwächten Patienten (Alt, Kleinkind, Immunschwäche).
Therapie: Ergänzung des Wasser- und Elektrolytverlustes. Antibiotika nur bei schweren und typhösen Verläufen. Normalerweise verlängern Antibiotika die Zeit der Bakterienausscheidung.
Botulismus
Inkubation: 12-38 Stunden; Extreme: 2h-14 Tage
Vorkommen: In ungenügend erhitzten Speisen mit anaeroben Wachstumsschancen (selbstgemachte Konserve, Geräuchertes)
Symptome: Evtl. frühzeitig Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, dann Muskelparesen (Akkommodationsparese, Mydriase, Doppelbilder), Schluckstörung, Lähmung. Symptomrückbildung über Monate.
Therapie: Magenspülung, Kohle, Na-Sulfat, hoher Einlauf, evtl. Prostigmin auf Intensivstation
China-Restaurant-Syndrom
Vorkommen: Mit Glutamat angereicherte Speisen, entweder wenn Menge über 1-1,5g oder eher von persönlicher Disposition abhängig (Unverträglichkeit oder Allergie)
Inkubation: Typisch 10-30 Minuten, anhaltend für 2h; selten nach mehreren Stunden, anhaltend für 2 Tage
Symptome: Gesichts- und Nackenbrennen, Taubheitsgefühle, Kopfschmerzen, Druck- und Engegefühl im Brustkorb, Tachykardie; sehr selten Verwirrtheit
Therapie: Bei stärkerer Symptomatik ärztliche Überwachung, keine spezifische Therapie bekannt
Honigvergiftung
Inkubation: 1-5h
Vorkommen: Honig aus Gebieten mit Ericaceen (Rhododendron)
Symptome: Erbrechen, Bradykardie, Hypotonie
Therapie: Anfangs immer Überwachung auf Intensivstation; weitere Therapie über Giftnotruf erfragen (089 / 19240)
Synonyme & Bezeichnungen
Lebensmittelvergiftung; Scombrotoxin; Staphylococcen Enterotoxin; HUS; Escherichia Coli Enterotoxin; E. Coli; EHEC; Verotoxin; Coli Enterotoxin; Clostridium perfringens; Campylobacter; Salmonellen; Skombrotoxin; Bacillus cereus; Chinarestaurant Syndrom; Chinese Food Syndrome; Glutamat; Monosodiumglutamat; Natriumglutamat
Gruppenzugehörigkeit: Lebensmittel
Literatur & Quellen
1. Ellenhorn Medical Toxicology 1988
2. Cook G.: Mansons Tropical Medicine; Saunders 1996
3. Riemann H. Foodborne Infections and Intoxications. Academic Press New York 1979
4. Mühlendahl: Vergiftungen im Kindesalter 1995