Atropin
Atropin ist ein Parasympatholytikum und dient als Antidot bei Vergiftungen mit Cholinesterasehemmern. Es kann bei Überdosierung selbst schwere anticholinerge Vergiftungssymptome verursachen. (siehe auch: Flumazenil)
Wichtiger Hinweis: Die hier bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich der allgemeinen Aufklärung und ersetzen keine ärztliche Beratung. Bei Verdacht auf eine Vergiftung kontaktieren Sie umgehend den Giftnotruf.
Indikation
Antidot bei Vergiftungen mit:
- Cholinesterasehemmern (Organophosphate, Carbamate)
- Muscarinhaltigen Pilzen (z.B. Gifttrichterlinge)
Hinweis: Bei chronischer Applikation Gewöhnung mit Toleranz und Entzugssymptomatik.
Pharmakologie
Kompetitiver Antagonist an muscarinischen Acetylcholinrezeptoren. Hemmt die Wirkung von Acetylcholin an postganglionären parasympathischen Nervenendigungen.
Gruppenzugehörigkeit: Anticholinergika; Antidote
Toxizität
Erwachsene:
- Ab 2–5 mg: deutliche leichte Intoxikation (10)
- Ab 50–100 mg: lebensbedrohliche Intoxikation möglich (10)
Kleinkind:
- 0,7–2 mg: leichte Intoxikation
- 3–5 mg: mittelschwere Intoxikation
- >5 mg: schwere Intoxikation zu erwarten (10)
- 0,5%ige Augentropfen: 4 Tropfen = toxische Grenzdosis
Symptome
Lokal (Auge): Mydriasis. Bei Kindern ab 0,5%iger Lösung Intoxikation möglich. Bei lokaler Applikation am Auge Delir und Coma ohne periphere Symptomatik berichtet (1).
Systemische Intoxikation
Drüsen: Ab >0,5 mg bald Mundtrockenheit, Schweißsekretionsstörung. Ab 5 mg trockene, heiße, rote Haut.
Auge: Ab >1–2 mg Mydriasis; anfangs träge Lichtreaktion, später starr; auf Konvergenz (im Gegensatz zu adrenerger Mydriasis) nicht veränderlich. Ab >5 mg Akkommodationslähmung vollständig, maximale Mydriasis; Augeninnendruckerhöhung, akutes Glaukom möglich. Ophthalmologische Symptomatik für 7–12 Tage nach Intoxikation.
Herz-Kreislauf (COR): Ab >1 mg Tachykardie (Maximum bei ca. 2 mg), später Arrhythmien möglich. Blutdruck anfangs oft erhöht, später normal, final erniedrigt.
ZNS: Ab >3–5 mg Unruhe, Muskelschwäche, Kopfschmerzen, Hyperthermie, dystone Reaktionen und Dyskinesien (15). Ab >10 mg Ataxie, Erregung, Halluzinationen, später Delir, Coma, Krampfanfälle ab 0,5 mg/kg (10); medulläre Paralyse (15), Tod durch Atemlähmung.
Sonstige: Anfängliche Hyperventilation, später Atemdepression, evtl. Cheyne-Stokes-Atmung; ab 5 mg Miktionsstörungen, reduzierte Darmperistaltik, retrosternale Schmerzen durch Refluxösophagitis.
Synonyme & Bezeichnungen
CAS: 55-48-1
Atropinsulfat; Atropini sulfas; Atropinum sulfuricum; Atropinol; Borotropin; Dysurgal; Noxenur; Tropanoltropasäureester; Tropasäuretropinester; Tropinum tropaicum; Atropinantidot
Literatur & Quellen
1. Goodman & Gillman: The Pharmacological Basis of Therapeutics. Macmillan Publishing Co London 1975.
2. Martindale: The Extra Pharmacopoeia. The Pharmaceutical Press London 1977.
3. Clarke ECG: Isolation and Identification of Drugs. The Pharmaceutical Press London 1969.
4. Seyffart G: Giftindex – Dialyse und Hämoperfusion bei Vergiftungen. Fresenius Stiftung Bad Homburg 1975.
10. Mühlendahl et al.: Vergiftungen im Kindesalter. Enke Verlag Stuttgart 1995, 3. Auflage.
11. BGVV-Antidot KK Atropin, 4.2.93.
12. Ellenhorn MJ, Barceloux DG: Medical Toxicology – Diagnosis and Treatment of Human Poisoning. New York, Amsterdam, London: Elsevier, 1988.
13. Arzneimittelprofile, Goviverlag, Atropin 1994.
14. BGA Karteikarte Atropin, 1990.
15. Micromedex Poisindex, Nov. 1996.